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INSPIRATION FÜR KÖRPER, GEIST UND SEELE                
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KGS Hamburg Magazin Artikel (Oktober 2014)

Fünf Rhyth­men und die Ma­gie des Ganz­wer­dens

Was wis­sen un­se­re Hän­de von un­se­ren Füßen? Was weiß un­ser Herz von un­se­ren Hüf­ten? Was der Kopf vom Atem? Die Pra­xis der von der Ame­ri­ka­ne­rin Ga­bri­el­le Roth ent­wi­ckel­ten 5Rhyth­men ver­hilft den Tan­zen­den zu ei­nem fei­ne­ren Be­wusst­sein für ih­ren Kör­per, so die Er­fah­rung des Ham­bur­ger 5Rhyth­men-Leh­rers Tom R. Schulz.
Er weiß: Ein be­weg­ter Kör­per nimmt in­ten­si­ver Füh­lung auf mit Herz, See­le, Geist und Kos­mos – mit all dem, wor­aus wir ge­macht sind. Der Tanz bringt Licht und Dy­na­mik in die Ver­bin­dungs­li­ni­en zwi­schen die­sen An­tei­len un­se­res Selbst – und um ge­nau die­se „Con­nec­ti­ons“ geht es im Work­shop mit Tom R. Schulz am ers­ten No­vem­ber­wo­chen­en­de. Im In­ter­view mit Mo­ni­ka Knapp spricht er über Ent­gren­zung und die An­nähe­rung an das We­sent­li­che


Tom, für dei­nen 5Rhyth­men-Work­shop im No­vem­ber hast du die Ver­bin­dung der Tei­le, aus de­nen wir be­s­te­hen – Kör­per­tei­le, See­le, Geist, Herz – zum The­ma ge­macht. Wie er­fährst du selbst die­se Ma­gie des Ganz­wer­dens im Tanz?


Zu­n­ächst als et­was, das auch ich selbst mir im­mer wie­der „er­t­an­zen“ muss. Wis­sen ver­hält sich zur Er­fah­rung wie das Fo­to von ei­ner schö­nen Land­schaft zur un­mit­tel­ba­ren In­au­gen­schein­nah­me die­ser Land­schaft. Die fünf Kom­po­nen­ten, die uns zu ei­nem Gan­zen wer­den las­sen – Kör­per, Herz, Ver­stand, See­le, Spi­rit –, in ih­rer im­mens rei­chen Gleich­zei­tig­keit zu spü­ren, das ist et­was sehr Schö­nes. Ich nen­ne die 5Rhyth­men oft ein mo­der­nes Me­di­zin­rad, weil ich sie als hei­len­des Pa­ra­dig­ma des Aus­gleichs er­le­be. Al­les hat sei­nen Platz, al­les darf zu mir gehö­ren, auch das ver­meint­lich Ver­korks­te. In der gleich­zei­ti­gen Be­lich­tung die­ser fünf Be­rei­che wer­de ich (mir selbst) klar. Pa­ra­do­xer­wei­se be­ginnt das erst an der Gren­ze, am Rand der Kör­per­lich­keit – als wür­de ei­ne mehr oder we­ni­ger fes­te Mem­bran, die mein ge­wöhn­li­ches Funk­tio­nie­ren um­gibt, dün­ner, durch­sch­ei­nen­der. Manch­mal platzt sie auch. Aber lei­der ha­be ich den Me­cha­nis­mus des Egos, sie um­ge­hend wie­der zu­sam­men­zu­f­li­cken, noch nicht durch­schaut. Die­se Ent­gren­zung im Tanz fiel mir am An­fang gnä­di­ger­wei­se ein­fach so zu: ei­ne Art in­stant bliss, der na­tür­lich nicht von Dau­er war. Mit der Zeit, vor al­lem mit der In­ten­ti­on, ist mein Tanz zu mei­nem Spie­gel ge­wor­den. Die hei­ligs­ten Mo­men­te da­bei: hin­ein­schau­en, und kei­ner guckt mehr zu­rück.

Con­nec­ti­ons – Ver­bin­dun­gen – stel­len wir na­tür­lich auch zu an­de­ren Men­schen her. Wie wich­tig ist für dich In­ter­ak­ti­on im Tanz?

Das ist ein wei­tes Feld. In den 5Rhyth­men gibt es die drei Ebe­nen Ich, Part­ner, Tri­be. Al­so den Tanz al­lein, den zu zweit und den in ei­ner (klei­nen) Grup­pe. Das bil­det un­mit­tel­bar un­se­re Le­bens­wirk­lich­keit ab: Wir sind ja ent­we­der al­lein, zu zweit oder zu meh­re­ren. Nicht im­mer deckt sich die Le­bens­wirk­lich­keit mit un­se­ren Be­dürf­nis­sen, und es kommt eher sel­ten vor, dass je­mand mit der­sel­ben Be­geis­te­rung al­lein, zu zweit oder in der Grup­pe tanzt. In­so­fern ist die In­ter­ak­ti­on beim Tanz ein un­wahr­schein­lich er­gie­bi­ges Lern- und Er­fah­rungs­feld. Wie bin ich, wenn ich nur mit mir tan­ze, wie er­le­be ich mich? War­te ich nur dar­auf, dass ich aus der Lan­ge­wei­le an mir selbst er­löst wer­de von der Auf­for­de­rung, ei­nen Part­ner zu neh­men? Oder igno­rie­re ich die­se Auf­for­de­rung nach Kräf­ten, weil mir die Be­geg­nung mit mög­li­cher­wei­se Un­be­kann­ten auf der Tanz­fläche der Hor­ror ist? Und was löst Grup­pen­bil­dung auf der Tanz­fläche in mir aus – an was aus mei­ner, aus un­se­rer Ver­gan­gen­heit rührt es? Weckt es mei­ne ar­chai­schen Im­pul­se, will ich do­mi­nie­ren, füh­le ich mich bald am Rand wie­der? Es geht je­weils um ei­ne Über­set­zungs­leis­tung zwi­schen Tanz­fläche und Le­ben. Und man muss ge­dul­dig sein. Manch­mal stellt sich im Le­ben noch lan­ge nicht ein, was auf der Tanz­fläche mit der Zeit leich­ter wird ...

Machst du die Er­fah­rung, dass du dich selbst im Kon­takt mit an­de­ren Men­schen in­ten­si­ver spü­ren kannst, oder ist es um­ge­kehrt eher so, dass erst ei­ne Ver­bin­dung mit dir selbst in­ten­si­ven Kon­takt mit an­de­ren er­mög­licht?

Gu­te Fra­ge. Mei­ne Er­fah­rung ist, dass ich zu­erst den Kon­takt zu mir selbst fin­den möch­te. Die 5Rhyth­men sind ei­ne Me­di­ta­ti­ons­form; es geht dar­um, den Atem zu fin­den, sich die­ses Atems be­wusst zu wer­den, es geht um Zeit und Zu­sam­men­sein mit mir, schließ­lich um die eben be­schrie­be­ne Ent­gren­zung. Wenn es be­son­ders schnell geht mit der Paar­bil­dung auf der Tanz­fläche, wird die­se Selbst­be­geg­nung ge­wis­ser­maßen über­sprun­gen zu­guns­ten von Kon­takt mit je­mand an­de­rem. Das ist ei­nem dann an­ge­neh­mer als das Zu­sam­men­sein mit sich selbst. Gut, wenn man das weiß, wenn man sich des­sen be­wusst ist.

Du tanzt die Rhyth­men seit 20 Jah­ren und ich ge­he da­von aus, dass dei­ne Be­geis­te­rung un­ge­bro­chen ist. Ent­deckst du in die­ser Be­we­gungs­pra­xis im­mer noch neue Di­men­sio­nen, die du noch nicht aus­ge­lo­tet hast?


Na ja, wenn man’s hoch hän­gen woll­te, wür­de ich sa­gen, das hat so was von dem Goe­the-Wort „Mensch, wer­de we­sent­lich“. Das lus­ti­ge Her­um­sprin­gen, das schein­bar Ath­le­ti­sche, das un­er­müd­li­che Tan­zen­kön­nen früher: Das war schon toll. Es nimmt aber ab mit den Jah­ren und den di­ver­sen kör­per­li­chen Ma­lai­sen, die wohl je­den von uns er­ei­len. Dafür tritt et­was an­de­res an des­sen Stel­le. Die Spra­che des Tan­zes wird fei­ner, ge­nau­er, der Weg zur Mit­te wird kür­zer. Als Leh­rer aber steht für mich im Vor­der­grund, was ich auf der Tanz­fläche se­he.

Du sagst: „Wer sich in den 5Rhyth­men be­wegt, er­fährt den Tanz als Chif­f­re für das ge­heim­nis­vol­le Kon­ti­nu­um des Seins.“ Kannst du das ein biss­chen aus­füh­ren?

Ge­heim­nis und Kon­ti­nu­um sind für mich zwei Schlüs­sel­be­grif­fe für das Le­ben. Ge­heim­nis des­halb, weil nie­mand wirk­lich weiß und sa­gen kann, war­um das al­les, wo­her und wo­hin? Das Be­wusst­sein dafür geht schnell mal ver­lo­ren, weil wir al­le so viel zu tun ha­ben, so exo­te­risch im Außen le­ben. Ich neh­me mich da kei­nes­wegs aus. Was müs­sen wir nicht al­les ma­na­gen im Le­ben und was hat die Wis­sen­schaft nicht al­les her­aus­ge­fun­den! Ich aber lie­be das Er­in­nern ans Mys­te­ri­um, ge­ra­de in un­se­rem Zeit­al­ter, in dem al­les so durch­di­gi­ta­li­siert ist und sich schein­bar re­du­zie­ren lässt auf end­los va­ri­ier­te Fol­gen von 0 und 1. Und das Kon­ti­nu­um se­he ich nicht nur im fort­wäh­ren­den Tag-und-Nacht-Puls un­se­rer Kör­per­funk­tio­nen am Werk. Für mich ist die­ses Le­ben hier auf der Er­de die Teil­men­ge von et­was viel Größe­rem. Auch dar­an rüh­re ich im Tanz. No be­gin­ning, no end. Das We­sent­li­che ist für die Au­gen un­sicht­bar, da hat der klei­ne Prinz schon ver­dammt recht.

Vor fast ge­nau zwei Jah­ren ist Ga­bri­el­le Roth ge­s­tor­ben. Hat sich für dich als 5Rhyth­men-Tän­zer und -Leh­rer et­was ver­än­dert in dem Sin­ne, dass nach dem Tod der Leh­re­rin mehr Ver­ant­wor­tung auf die über­geht, die von ihr ge­lernt ha­ben?


Ab­so­lut! Ich glau­be, die meis­ten von uns 5Rhyth­men-Leh­rern be­grei­fen ihr Tun als Auf­trag, das, was Ga­bri­el­le in die Welt ge­bracht hat, le­ben­dig, ver­ant­wor­tungs­be­wusst und in­di­vi­du­ell fort­zu­füh­ren. Sie hat ja nicht nur ei­nen In­halt hin­ter­las­sen, son­dern auch ei­ne Form, und sie hat­te ei­ne kla­re Vor­s­tel­lung von dem Selbst­ver­s­tänd­nis, mit dem wir Leh­rer un­ter­wegs sein sol­len: „Be the teaching.“ Da­mit hat man schon mal ein Le­ben lang zu tun. Aber, ge­heim­nis­vol­les Kon­ti­nu­um, ich spü­re sie wei­ter­hin, je­den Tag.

Dan­ke, Tom!

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (10/2014)