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KGS Hamburg Magazin Artikel (Juli 2015)

„Wir sind ein Teil der Na­tur“

Le­ben mit und in der Na­tur - der Eth­no­bo­ta­ni­ker und Kul­tur­an­thro­po­lo­ge Wolf-Die­ter Storl ist im­mer ganz dicht dran. Mit sei­ner Fa­mi­lie lebt der Au­tor meh­re­rer Bücher zum The­ma Um­gang mit der Na­tur auf ei­nem ab­ge­le­ge­nen Hof im All­gäu, wo er sich nach mehr­jäh­ri­gen Auf­ent­hal­ten in Fern­ost - zu­letzt zwei Jah­re in In­di­en - und im ost­frie­si­schen Moor nie­der­ge­las­sen hat.
Für Wolf-Die­ter Storl ist der di­rek­te Kon­takt zur Na­tur auch im­mer ein Weg in das ei­ge­ne In­ne­re - nicht zu­letzt an be­son­de­ren Kraf­tor­ten. Im In­ter­view mit Rébec­ca Kunz spricht er über die Wir­kung be­stimm­ter Land­schaf­ten und Or­te auf uns Men­schen.


Hoch­ge­bir­ge, Wüs­ten, Moo­re schei­nen mir ar­che­ty­pi­sche Land­schaf­ten zu sein, in de­nen ganz spe­zi­fi­sche Geis­ter we­hen. Dem­ge­genüber gibt es in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Land­schaft auch ganz spe­zi­el­le Kraf­tor­te.

Kraf­tor­te ha­ben oft mit geo­man­ti­schen und geo­lo­gi­schen Ver­wer­fun­gen zu tun. Häu­fig sieht man dort Bäu­me mit ge­dreh­tem Stamm. Die Bäu­me selbst wür­den das nicht von sich aus ma­chen, sie spie­geln auf die­se Wei­se nur die Kräf­te wi­der, die da sind. Wenn wir uns in so ei­nen Wir­bel set­zen oder uns ne­ben ei­nen sol­chen Baum plat­zie­ren, spü­ren wir die­se Wir­kung auch. Dies, weil wir zum größ­ten Teil aus Was­ser be­s­te­hen. Was­ser ist sehr empfäng­lich, es ent­spricht dem Yin im asia­ti­schen Yin-Yang-Prin­zip. An sol­chen Or­ten spü­ren wir die­se En­er­gi­en stark, und die See­le hebt sich et­was aus dem nor­ma­len Kör­per­ge­fü­ge her­aus. Wir ha­ben leich­ter Zu­gang zu über­sinn­li­chen Er­fah­run­gen.

Sind wir an Kraf­tor­ten of­fe­ner?

Ja, es geht in Rich­tung Ek­s­ta­se. Ek­s­ta­se heißt: aus sich her­aus­ge­hen, außer­halb ste­hen. Sol­che Or­te un­ter­s­tüt­zen das, und des­we­gen sind es hei­li­ge Or­te. In In­di­en sit­zen an die­sen Or­ten im­mer Sad­hus. Bei uns ste­hen auf Kraft­plät­zen oft Kir­chen oder Ka­pel­len; die­se ha­ben je­doch we­ni­ger we­gen der ide­el­len In­hal­te ei­ne Wir­kung, son­dern viel­mehr auf­grund der Kraft des Or­tes.

Da­zu ein Bei­spiel: Bei mei­ner Wan­de­rung auf der Sän­tis kam ich am Wild­kirch­li - ei­nem Ort mit tie­fen Höh­len - vor­bei. Einst fand man dort vie­le Bä­ren­k­no­chen und Ne­an­der­ta­ler­werk­zeu­ge. Es han­delt sich ver­mut­lich um ei­nen Kul­t­ort der Ne­an­der­ta­ler, si­cher je­doch um ei­nen geo­man­tisch ganz star­ken Ort. Im Mit­tel­al­ter glaub­te man, dort sei ein Dra­chen­ort. Des­halb wur­de die Höh­le ver­sch­los­sen; da­vor wur­de ein Al­tar mit dem Dra­chen­tö­ter Mi­cha­el ge­stellt. In­ter­es­san­ter­wei­se wur­den geo­man­tisch star­ke Or­te, die schon den Kel­ten be­kannt wa­ren, spä­ter in der christ­li­chen Kul­tur oft zu Mi­cha­els-Hei­lig­tü­mern um­ge­wan­delt.

Und die dort na­tür­li­cher­wei­se vor­kom­men­den Kräf­te wur­den dem hei­li­gen Mi­cha­el zu­ge­schrie­ben?


Ge­nau. In mei­nem Fal­le saß ei­ne Frau vor die­sem Mi­cha­el­sal­tar und sag­te ganz er­grif­fen: "Ach, die Kraft, die vom hei­li­gen Mi­cha­el aus­geht!" Die Kraft ging na­tür­lich nicht von die­ser Sta­tue aus, son­dern vom Ort selbst. Sol­che Fehl­in­ter­p­re­ta­tio­nen ge­sche­hen häu­fig. Zum Bei­spiel in der ara­bi­schen Wüs­te. Wo ei­ne Quel­le ist, wird ei­ne Mo­schee ge­baut, und dann heißt es: Schaut her, das ist Al­lah. Doch es ist die Quel­le, die Kraft spen­det, und sie ent­springt der Na­tur.

Es ist tatsäch­lich ei­ne Kraft da, ei­ne Kraft der Na­tur - die wie­der­um auch gött­lich ist.

Die Na­tur ist gött­lich, doch ich se­he im­mer wie­der ei­ne Ideo­lo­gi­sie­rung oder ei­ne po­li­ti­sche Ver­ein­nah­mung des na­tür­li­chen Ge­sche­hens. Als die weißen Sied­ler in Ohio über die Shawnee-In­dia­ner her­ein­bra­chen, ver­such­te ein Vi­si­onär na­mens Te­cum­seh die ein­zel­nen Stäm­me zu ei­ni­gen, da­mit die In­va­si­on end­lich ge­stoppt wür­de. Sein Bru­der war ein Scha­ma­ne, ein Me­di­zin­mann na­mens Ten­s­ka­wa­ta­wa. Er hat­te die Schrift­zei­chen der Weißen ge­lernt, konn­te al­so le­sen. Er hat­te ei­nen eng­li­schen Al­ma­nach und dar­in las er, an ei­nem be­stimm­ten Tag kä­me die Son­nen­fins­ter­nis. Er zog von Stamm zu Stamm und warn­te, dass, falls sie sich nicht ko­o­pe­ra­tiv ver­ei­ni­gen wür­den mit den an­de­ren Stäm­men, der große Geist die Son­ne vom Him­mel neh­men wür­de. Dies ge­schähe in so­und­so vie­len Mon­den als War­nung. Dann kam die Son­nen­fins­ter­nis, und nach­her ha­ben sich die Stäm­me zu­sam­men­ge­tan - es war je­doch zu spät. Jetzt kann ich noch et­was Ket­ze­ri­sches sa­gen: Auch die heu­ti­ge Kli­ma­er­wär­mung wird po­li­ti­siert und ideo­lo­gi­siert. Na­tür­lich ist es wich­tig, dass wir mit un­se­ren Roh­stof­fen spar­sam um­ge­hen und dass we­ni­ger Gif­te in die At­mo­s­phä­re ge­pus­tet wer­den, aber vie­len geht es in ers­ter Li­nie dar­um, die Wirt­schaft mit neu­en Tech­no­lo­gi­en an­zu­kur­beln.

Es ist be­denk­lich, dass wir un­se­re fos­si­len Roh­stof­fe in­ner­halb ei­nes Jahr­hun­derts ver­bren­nen.

Das stimmt, und es ist un­na­tür­lich. Doch vie­le ha­ben heu­te Angst - Angst vor Ver­än­de­rung. Kli­ma­ver­än­de­run­gen kön­nen na­tür­li­cher­wei­se schnell ein­t­re­ten. Als die Wi­kin­ger vor tau­send Jah­ren Grön­land ent­deck­ten, war Grön­land ein grü­nes Land; Erik der Ro­te gab ihm den Na­men Grön­land, was "grü­nes Land" be­deu­tet. Die süd­west­li­che Küs­te wur­de von wi­kin­gi­schen Sied­lern in der mit­tel­al­ter­li­chen Warm­zeit bis ins 15. Jahr­hun­dert be­wohnt. Es gab fast kei­ne Glet­scher, es wur­de so­gar Acker­bau be­trie­ben. Eif Eri­ks­son, der Sohn Eri­ks des Ro­ten, ent­deck­te, von Grön­land kom­mend, um das Jahr 1000 her­um La­bra­dor. Er nann­te es Vin­land, al­so Wein­land. Denn der ame­ri­ka­ni­sche Wild­wein, der jetzt fast tau­send Mei­len wei­ter süd­lich in Neu­eng­land sei­ne nörd­li­che Gren­ze hat, hat­te da­mals sei­ne Ver­brei­tung bis hin­auf nach La­bra­dor.

Nach 1400 kühl­te es dann ra­pi­de ab.

Es kam zu ei­nem Kli­mas­turz, und das führ­te in Eu­ro­pa zu Hun­ger­s­nö­ten. Rog­gen und Wei­zen be­ka­men Mehl­tau­schim­mel und Mut­ter­korn­ver­gif­tun­gen. Die Kir­che führ­te die­se na­tür­li­chen Kli­ma­ver­än­de­run­gen auf das sün­di­ge Le­ben der Men­schen zu­rück. Weil die Ernäh­rungs­la­ge der­art schlecht war, brei­te­ten sich Seu­chen aus, zum Bei­spiel die Pest. Sie de­zi­mier­te die oh­ne­hin ge­schwäch­te Be­völ­ke­rung noch mehr. In Grön­land fand ei­ne bio­lo­gi­sche An­pas­sung statt, in­dem die Kühe und die Men­schen all­mäh­lich klei­ner wur­den, wie heu­te in Ne­pal. Schließ­lich wur­de es in Grön­land so kalt, dass kei­ne Land­wirt­schaft mehr mög­lich war.

Es han­del­te sich um ei­ne rie­si­ge Kli­ma­ka­ta­s­tro­phe mit die­ser Ab­küh­lung vor 600 Jah­ren. Da­nach ging die Tem­pe­ra­tur et­was hoch und run­ter, und heu­te sind wir in ei­ner Pha­se der ra­pi­den Er­wär­mung. Wenn das Kli­ma wär­mer wird, löst sich vor­han­de­nes Koh­len­di­oxid aus den Mee­ren und den Bö­den und wird an die At­mo­s­phä­re ab­ge­ge­ben. Für die Pflan­zen ist das ei­ne gu­te Dün­gung ...

Was uns aber nicht hin­dern soll­te, sorg­fäl­tig mit un­se­ren Res­sour­cen um­zu­ge­hen!

Das ist völ­lig klar. In In­do­ne­si­en und in Sü­da­me­ri­ka wer­den rie­si­ge Wäl­der ab­ge­holzt, um Bio­sprit zu er­zeu­gen; ü­be­r­all bren­nen Lich­ter die gan­ze Nacht ... Was soll das? Wo­zu die­ser wahn­sin­ni­ge Ver­brauch? Wir soll­ten mehr Bäu­me pflan­zen! Je­der große Baum pro­du­ziert ge­nug Sau­er­stoff für die At­mung von et­wa vier­zehn Men­schen. Außer­dem nimmt er viel Koh­len­di­oxid auf und spei­chert den Koh­len­stoff in sei­nem Holz.

Was heu­te zur Kli­ma­er­wär­mung ab­läuft, ist sehr ideo­lo­gi­siert und aus­beu­te­risch, denn al­le Sei­ten, ob links oder rechts, nut­zen die mo­men­ta­ne La­ge für sich. Man kann folg­lich auch mehr Atom­kraft­wer­ke bau­en.

Mehr bei sich sein, die Na­tur bes­ser wahr­neh­men, da wür­de ich gern an­set­zen: Kraf­tor­te in Ver­bin­dung mit Be­wusst­seins­bil­dung.


Der Mensch kann an Kraf­tor­te ge­hen und macht Er­fah­run­gen, die er viel­leicht als über­sinn­lich be­zeich­net. Es gibt tatsäch­lich sol­che Or­te, aber sie sind sinn­lich wahr­nehm­bar. Oft wur­den oder wer­den die­se Or­te als hei­lig an­ge­se­hen.

Ich war ein­mal in Glas­t­on­bu­ry, auch das "Eng­li­sche Je­ru­sa­lem" ge­nannt. Es ist ein Hü­gel, früher war es ei­ne Moor­land­schaft. Vie­le "New Ager" rei­sen hin oder woh­nen dort. Glas­t­on­bu­ry wird mit Ava­lon, der In­sel der Jen­s­ei­ti­gen, ver­g­li­chen. Im Herbst stei­gen die Ne­bel auf und ein ein­sa­mer Hü­gel mit Turm ragt aus der Ne­bel­land­schaft. Zwei Quel­len fließen aus dem Hü­gel: Die ei­ne weiß, sie hat Kalk im Was­ser, sie gehört dem Gott, und die an­de­re rot, we­gen des Ei­sen­ge­halts, sie gehört der Göt­tin. Ei­ne große Kraft ist an dem Ort spür­bar, die Leu­te sind hin­ge­ris­sen. Es heißt, nur Ver­rück­te woh­nen in Glas­t­on­bu­ry. Ein Weißdorn wächst dort, der blüht zur Weih­nachts­zeit, und die Queen von Eng­land hat das Recht, je­de Weih­nacht ei­nen sol­chen Weißdorn­zweig zu be­kom­men.

Ha­ben Sie die En­er­gie des Kraf­tor­tes Glas­t­on­bu­ry ge­spürt?

Al­ler­dings. Rund um Glas­t­on­bu­ry gibt es meh­re­re Hü­gel, ich bin auf al­le die­se Hü­gel ge­gan­gen. Kein Bau­er be­baut hier et­was, kein Tier wei­det. Das gan­ze Gelän­de ist et­was un­heim­lich. Ich ging ei­nen Hü­gel hoch, es mu­te­te fast wie Tun­dra-Ve­ge­ta­ti­on an, al­le Pflan­zen sind dort ganz klein und bo­den­nah. Mir wur­de ganz schwer, ich wur­de sehr mü­de. Ich schau­te das Son­nen­rö­schen an, und es war un­glaub­lich, die Staub­fä­den be­weg­ten sich wie See­a­ne­mo­nen. Ich schau­te und wur­de da­bei im­mer mü­der und schlief ein, so stark war das. Die meis­ten Men­schen schla­fen dort ein, man kann dem fast nicht wi­der­s­te­hen.

Wenn das ein Kraf­t­ort ist - wo ist hier die Kraft? Kann man hier nicht von ei­nem Macht­ort sp­re­chen?

Es ist auch ein Macht­ort, ja. Ir­gend­wann wach­te ich auf und wuss­te nicht mehr, wo ich ge­we­sen war. Dann ging ich wei­ter, auf die an­de­re Sei­te des­sel­ben Hü­gels: Dort ist al­les gi­gan­tisch groß. Sonst klei­ne Pflan­zen sind hier rie­sen­groß. Ein völ­lig an­de­res Ge­fühl, ganz an­de­re Emp­fin­dun­gen durch­zo­gen mich an die­ser Stel­le!

Es ist ein Ort mit un­glaub­li­chen en­er­ge­ti­schen Ver­wer­fun­gen. Die­se Land­schaft ist seit kel­ti­schen Zei­ten und auch jetzt in christ­li­cher Zeit ein Hei­lig­tum. Die ers­ten Mis­sio­na­re zo­gen von Glas­t­on­bu­ry aus, um den Rest der In­sel zu be­keh­ren. (...)

Der Zu­gang zur An­ders­welt ist an ei­nem sol­chen Ort ein­fa­cher als an­ders­wo.


Es sind be­son­de­re Or­te, wo die­ser Zu­gang er­leich­tert ist, eben Kraf­tor­te. Die Pflan­zen, die dort wach­sen, spie­geln die Na­tur­kräf­te wi­der. Wir ha­ben an Kraf­tor­ten nicht un­be­dingt ei­nen bes­se­ren Zu­gang zu den Pflan­zen­we­sen, je­doch wach­sen die Pflan­zen dort un­ge­wöhn­lich; häu­fig fin­den wir Ver­wach­sun­gen oder zwei Bäu­me, die ein­an­der um­sch­lin­gen oder zu­sam­men­ge­wach­sen sind. Ge­nau­so wie Pflan­zen spie­geln, wel­che At­mo­s­phä­re in ei­nem Haus ist: Nicht bei al­len ge­d­ei­hen Pflan­zen gleich. Pflan­zen sind ganz nach außen ge­rich­tet, sie ha­ben kei­ne In­ner­lich­keit. Die Außen­welt ist ih­re In­ner­lich­keit.



Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des AT Ver­la­ges aus dem Buch Er­ken­ne dich selbst in der Na­tur von Wolf-Die­ter Storl und Rébec­ca Kurz­geb., 2011, 190 Sei­ten, 22,90 Eu­ro

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (7/2015)