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KGS Hamburg Magazin Artikel (September 2015)

Tanz auf der Büh­ne des Le­bens

Lor­ca Si­mons gehör­te zum engs­ten Kreis um Ga­bri­el­le Roth (1941 – 2012), der Be­grün­de­rin der 5Rhyth­men. Sie kam als furcht­lo­se Tän­ze­rin und ge­bo­re­ne Schau­spie­le­rin in jun­gen Jah­ren zu ihr und tanzt den Tanz der 5Rhyth­men nach wie vor mit großer Lei­den­schaft. Für sie ist die­ser Tanz ei­ne Chan­ce zu in­ne­rem Wachs­tum.

Zu­ge­ge­ben: Ein biss­chen Mut zum Außer­ge­wöhn­li­chen braucht man für ei­nen Li­ve Wire Work­shop schon. Nicht, dass das Tan­zen in den 5Rhyth­men für sich ge­nom­men nicht auch et­was Mut bräuch­te – schließ­lich gehört hier­zu auch die Be­reit­schaft, et­was von der all­um­fas­sen­den Kon­trol­le los­zu­las­sen, mit der wir nor­ma­ler­wei­se durchs Le­ben ge­hen. Aber durchs Le­ben ge­hen und durchs Le­ben tan­zen, das ist eben doch zwei­er­lei. Die­ser Work­shop ist ein Ex­pe­ri­men­tier­feld zwi­schen Tanz und ri­tu­el­lem Thea­ter, Selbst­ver­ges­sen­heit und Be­sin­nung, Poe­sie und Ek­s­ta­se. Frei nach Her­mann Hes­ses Step­pen­wolf könn­te man als ein­la­den­de War­nung drüber schrei­ben: „Nur für Tanz­ver­rück­te“.

Der Tanz – was er be­deu­tet, was er aus­löst, wie er zur Hei­lung des Men­schen bei­trägt – wur­de über Jahr­zehn­te zum wich­tigs­ten Ge­gen­stand der in­tui­ti­ven, be­ob­ach­ten­den For­schung der Groß­stadt-Scha­ma­nin Ga­bri­el­le Roth (1941 – 2012), die in den 1960er-Jah­ren be­gann und erst mit ih­rem letz­ten Atem­zug ans En­de kam. Aus der Wahr­neh­mung vie­ler Men­schen oh­ne je­de tän­ze­ri­sche Kon­di­tio­nie­rung, die sich un­ter ih­rer An­lei­tung be­weg­ten, hat­te Ga­bri­el­le Roth schon mit Mit­te 20 fünf grund­le­gend von­ein­an­der un­ter­scheid­ba­re Mo­di der Be­we­gung iden­ti­fi­ziert, die in im­mer wie­der­keh­ren­der Ord­nung auf­ein­an­der folg­ten. Die­sen Mo­di gab sie spä­ter die Na­men Flo­wing, Stac­ca­to, Cha­os, Ly­ri­cal und Still­ness. Und die Me­tho­de, die­se Mo­di be­wusst als Hei­lungs­weg zu tan­zen, nann­te sie 5Rhyth­men. 

Mitt­ler­wei­le be­fin­den sich un­zäh­li­ge Men­schen in vie­len Län­dern der Er­de dank der 5Rhyth­men auf ih­rem ganz in­di­vi­du­el­len Weg zum Selbst. Was die­sen tän­ze­ri­schen Weg so be­son­ders macht: Er ist für je­den frei in je­dem ein­zel­nen Schritt und doch ge­hal­ten von ei­ner fei­nen Struk­tur. Men­schen un­ter­schied­lichs­ter Al­ters­grup­pen, Ras­sen, Glau­bens­be­kennt­nis­se und so­zia­ler Her­kunft kom­men zu­sam­men, um den hei­li­gen Raum des Tan­zes mit­ein­an­der zu tei­len. Jen­seits der Spra­che fin­den sie hier zum (Kör­per-)Ge­bet und zur Ent­äuße­rung, auch zur Wie­der­ent­de­ckung und Rück­ho­lung ver­schüt­te­ter, ver­dräng­ter An­tei­le der See­le. Die­se Ar­beit –  dy­na­misch und tief, sub­til und le­bens­zu­ge­wandt – ver­söhnt Yin und Yang, denn sie ist zu­gleich weib­lich und männ­lich: eben­so zu­las­send, of­fen, empfäng­lich, neu­gie­rig und in­k­lu­siv wie ge­ord­net, un­ter­sch­ei­dend und klar.

Ga­bri­el­le Roth ver­stand ih­re Ar­beit aus­drück­lich als ei­nen Weg, ne­ben der be­frei­ten Psy­che auch den Künst­ler im Men­schen zu er­we­cken. Da­bei galt dem Ri­tu­el­len Thea­ter, wie sie es nann­te, ih­re größ­te Lei­den­schaft. In ih­ren Work­shops ging es nicht nur um das Tan­zen an sich – sie lieb­te es, ein­zel­ne, mar­kan­te in­di­vi­du­el­le Be­we­gungs­frag­men­te her­aus­zu­lö­sen und sie nach Art des Chors im Thea­ter der An­ti­ke auf das Kol­lek­tiv zu über­tra­gen. Vie­le sol­cher Be­we­gun­gen, durch ih­re Wie­der­ho­lung wie un­ters Mi­kro­skop ge­legt, ga­ben oft über­ra­schen­de, tie­fe­re Be­deu­tungs­schich­ten preis. Die Kör­per­spra­che, das lehrt ihr Ri­tu­el­les Thea­ter, scheint vom Fluch der aus der Bi­bel berühm­ten ba­by­lo­ni­schen Sprach­ver­wir­rung ver­schont ge­b­lie­ben zu sein. Was der Kör­per spricht, ver­steht je­der Mensch.

Dar­über hin­aus spiel­te für Ga­bri­el­le Roth die Un­ter­sch­ei­dung von See­le und Ego ei­ne emi­nent wich­ti­ge Rol­le, wo­bei sie dem Ego und sei­nen vie­len Fa­cet­ten und Ver­k­lei­dun­gen be­son­de­re künst­le­risch-thea­tra­li­sche Auf­merk­sam­keit schenk­te. Statt mit den ver­schie­de­nen Rol­len des Egos zu rin­gen oder sich von ih­nen un­ter­drü­cken zu las­sen, reg­te sie da­zu an, die­se Rol­len zu er­ken­nen und sie im Spiel des Ri­tu­el­len Thea­ters zu über­höhen, den Po­panz ge­wis­ser­maßen erst so rich­tig auf­zu­b­la­sen und ihn da­durch zum Plat­zen zu brin­gen.

Ei­ne der engs­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und größ­ten In­spi­ra­tio­nen bei der Ent­wick­lung ih­res Ri­tu­el­len Thea­ters war Lor­ca Si­mons. Die in Te­xas in ei­ne Thea­ter­fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­re­ne Schau­spie­le­rin und Tän­ze­rin kam früh in ih­rem Le­ben mit Ga­bri­el­le Roth und den 5Rhyth­men in Berüh­rung. Lor­ca Si­mons' Thea­ter ist des­halb im­mer Kör­per­thea­ter; sie be­greift den Leib als In­stru­ment, das die vie­len Schich­ten des In­ne­ren le­ben­dig nach außen zum Klin­gen bringt. Lor­ca Si­mons hat ein un­trüg­li­ches Ge­spür für die au­t­hen­ti­sche Ges­te. Wie ei­ne sehr er­fah­re­ne Ge­burts­hel­fe­rin holt sie auch aus scheu­en, aber nach Aus­druck su­chen­den Men­schen das her­aus, was ge­bo­ren wer­den will. All je­ne, die oh­ne­hin gern per­for­men und spie­len, er­mun­tert und lei­tet sie zu ei­nem Ma­xi­mum an Aus­druck, gern auch in der (spie­le­ri­schen) Über­trei­bung, vor al­lem aber in der Au­t­hen­ti­zität. Und Lor­ca Si­mons sprüht vor Le­ben­dig­keit, Mit­ge­fühl und Hu­mor.




 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (09/2015)