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KGS Hamburg Magazin Artikel (Oktober 2015)

Die Ur­sprün­ge eu­ropäi­schen Heil­wis­sens

Ne­ben der Ge­lehr­ten­me­di­zin der ge­bil­de­ten Ärz­te und Apo­the­ker hat je­des Volk, je­de Eth­nie ei­ne funk­tio­nie­ren­de Heil­kun­de, an­ge­passt an die vor Ort ge­ge­be­nen ö­ko­lo­gi­schen Be­din­gun­gen. Für den Eth­no­bo­ta­ni­ker und Kul­tur­an­thro­po­lo­gen Wolf-Die­ter Storl ist die wil­de, ur­sprüng­li­che Na­tur, sind Wild­pflan­zen und Tie­re im­mer schon ei­ne Quel­le der In­spi­ra­ti­on und ha­ben sei­ne Le­bens­phi­lo­so­phie ge­formt.
Nach mehr­jäh­ri­gen Auf­ent­hal­ten in Fern­ost und im ost­frie­si­schen Moor lebt der Au­tor meh­re­rer Bücher mit sei­ner Fa­mi­lie heu­te auf ei­nem ab­ge­le­ge­nen Hof im All­gäu.

Heil­kun­de, ins­be­son­de­re die An­wen­dung von hei­len­den Kräu­tern, wur­de nicht ir­gend­wann er­fun­den. Kein Ur­zeit-Ein­stein hat da ver­bis­sen ex­pe­ri­men­tiert und ra­tio­nel­le Schlüs­se ge­zo­gen, dass die­ses Kraut gif­tig ist, das an­de­re wie­der­um die Le­ber stärkt und je­nes gut bei Rü­cken­sch­mer­zen ist. Die An­wen­dung von hei­len­den Kräu­tern ver­liert sich in den Ne­beln der Ur­zeit. In­zwi­schen be­s­tä­ti­gen die Un­ter­su­chun­gen der Ver­hal­tens­bio­lo­gen (Etho­lo­gen), dass Tie­re ganz ge­zielt be­stimm­te Heil­pflan­zen an­wen­den, wenn sie krank oder ver­letzt sind. "In­s­tinkt" und "an­ge­bo­re­ne Aus­lö­se­me­cha­nis­men" sind die Ver­le­gen­heits­er­klä­run­gen für die­se schwer zu fas­sen­den Ver­hal­tens­mus­ter, et­wa wenn sich ver­letz­te Gäm­sen auf dem blut­stil­len­den, wund­hei­len­den, leicht bak­te­rio­s­ta­ti­schen Al­pen­we­ge­rich wäl­zen, wenn Wöl­fe bei Darm­s­tö­run­gen Brenn­nes­seln fres­sen und sich über­ge­ben, wenn hoch­schwan­ge­re Ele­fan­ten­kühe ei­ne Baum­rin­de fres­sen, die ge­burts­för­dernd wirkt, wenn sü­da­me­ri­ka­ni­sche Scha­fe sich über die Blät­ter des Bol­dostrauchs her­ma­chen, des­sen ät­he­ri­sches Öl Le­ber­pa­ra­si­ten tö­tet und des­sen Al­ka­lo­i­de die Le­ber sti­mu­lie­ren, wenn Bä­ren ab­füh­ren­de Kräu­ter fres­sen, um nach dem Win­ter­schlaf ih­ren Stuhl­gang wie­der in Schwung zu brin­gen, wenn die klei­nen ro­ten Amei­sen wil­den Thy­mi­an auf ih­re Bau­ten pflan­zen, der die­se ge­gen Pilz- und Bak­te­ri­en­be­fall schützt. Schim­pan­sen­for­scher ha­ben ent­deckt, dass es bei den Men­schen­af­fen ei­ne re­gel­rech­te Kräu­te­ra­po­the­ke gibt, dass sie zum Bei­spiel wäh­rend der Re­gen­zeit, wenn Darm­pa­ra­si­ten zum Pro­blem wer­den, ein bit­te­res Kraut als Wurm­mit­tel su­chen (Storl 2011:34). Auf der Grund­la­ge von Pflan­zen­res­ten, die man bei Aus­gra­bun­gen von Früh­men­schen (Ho­mo er­ec­tus) fand, die vor fast 400.000 Jah­ren in Mit­tel­deutsch­land (Bil­zings­le­ben) in der Zwi­schen­eis­zeit leb­ten, kann man ver­mu­ten, dass es auch da ei­ne gut aus­ge­präg­te Heil­pflan­zen­kun­de ge­ge­ben hat (Wol­ters 1999:80). Bei den Ne­an­der­ta­lern ist das schon ein­deu­ti­ger. Im kur­di­schen Irak wur­de zum Bei­spiel ein Ne­an­der­ta­ler ge­fun­den, der, wie die Pol­len­a­na­ly­se er­gab, auf Bü­scheln blühen­der Heil­kräu­ter be­s­tat­tet lag. Es wa­ren al­les Pflan­zen, die noch heut­zu­ta­ge phy­to­the­ra­peu­tisch ein­ge­setzt wer­den (Pabst 2013:210). Das war vor 60.000 Jah­ren - das ist lan­ge her, wenn man be­denkt, dass die Men­schen erst vor rund 10.000 Jah­ren sess­haft wur­den oder dass das ewi­ge Rom vor 2500 Jah­ren ge­grün­det wur­de.

Die Stein­zeit­men­schen wa­ren in­nig mit der Na­tur ver­bun­den. Sie wa­ren mit ih­rer na­tür­li­chen Um­ge­bung und den Jah­res­zeit­rhyth­men der­maßen ver­schmol­zen, dass es sich der zi­vi­li­sier­te Mensch kaum mehr vor­s­tel­len kann. Das Sam­meln von ess­ba­ren Wur­zeln, Kräu­tern und Früch­ten, Bee­ren und Nüs­sen, auch das Nach­pir­schen dem jagd­ba­ren Wild ge­schah in ei­nem Zu­stand der un­ge­teil­ten Auf­merk­sam­keit. Die tra­di­tio­nel­len Jä­ger-und-Samm­ler-Völ­ker ma­chen die Na­tur nicht zu ei­nem äuße­ren Ge­gen­stand, den es zu ana­ly­sie­ren gilt. Sie er­lan­gen ih­re Er­kennt­nis­se durch be­din­gungs­lo­se Ein­stim­mung, durch das Eins-Wer­den mit den Pflan­zen und Tie­ren. Da­bei sind sie ganz still, stel­len das ab­len­ken­de Ge­plap­per un­nö­ti­ger Ge­dan­ken ab. Das ha­be ich als Völ­ker­kund­ler bei den In­dia­nern im­mer wie­der er­le­ben kön­nen. Vor­rang hat das Wahr­neh­men, das be­wuss­te Da-Sein. Beim Den­ken ist man ab­ge­lenkt und nicht mit dem Hier und Jetzt ver­bun­den. Das be­deu­tet na­tür­lich nicht, dass die Ein­ge­bo­re­nen nicht den­ken kön­nen. Sie kön­nen aus­ge­zeich­net den­ken, aber sie tun es nur, wenn es an­ge­bracht ist.

Der na­tür­li­che Mensch lauscht hin­ein in die Na­tur und geht mit al­len Sin­nen in Re­so­nanz mit ihr. Es ist nicht nur ein nach außen ge­rich­te­tes Be­ob­ach­ten, Mes­sen, Wä­gen und Be­stim­men, wie wir es nach vie­len Jah­ren Dres­sur in­ner­halb der vier Wän­de der Schu­le oder des Schul­la­bors ge­lernt ha­ben. Son­dern es ist eben­so ein in­ne­res Wahr­neh­men, ein Schau­en in den "Spie­gel der See­le". Mit der See­le nimmt man die See­le der Na­tur, der Pflan­zen und Tie­re wahr, eben­so wie wir mit un­se­rem "En­er­gie­kör­per" (Äther­leib) die En­er­gi­en in der Na­tur wahr­neh­men. Bei die­sen Wahr­neh­mun­gen stei­gen dann die pas­sen­den Ima­gi­na­tio­nen, die in­ne­ren Bil­der, auf. Da kann die so­ge­nann­te Grup­pen­see­le des Wolfs oder Ra­ben als Ge­stalt er­sch­ei­nen und mit dem Men­schen in ver­s­tänd­li­cher Spra­che sp­re­chen. Da kann der Stein in Ge­stalt ei­nes Gnoms sei­ne Weis­heit mit­tei­len. Da kann man die Krank­heit als ei­nen licht­scheu­en "Wurm" aus­ma­chen. Da kann der Pflan­zen-De­va, wenn er gnä­dig ist, dem von den Ah­nen oder Göt­tern be­ru­fe­nen Me­di­zin­mann oder der Kräu­ter­frau sa­gen, wel­che Heil­kraft die Pflan­ze be­sitzt.

Men­schen ha­ben nicht die hoch emp­find­sa­men Na­sen, die die meis­ten Tie­re be­sit­zen, sie kön­nen nicht un­mit­tel­bar die Gift- oder Heil­wir­kung er­schnup­pern. Ih­re In­s­tink­te sind bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ver­küm­mert, den­noch ha­ben sie die Fähig­keit der wah­ren Schau oder "Vi­si­on". Ei­ni­ge Men­schen sind in die­ser Hin­sicht na­tür­li­cher­wei­se et­was be­gab­ter als an­de­re, ih­nen ob­liegt es dann, als Hei­ler ih­ren Stam­mes­ge­nos­sen bei­zu­s­te­hen. Die­se Fähig­kei­ten kön­nen durch scha­ma­ni­sche Tech­ni­ken und geist­be­we­gen­de Pflan­zen­dro­gen (En­theo­ge­ne) ver­s­tärkt wer­den.

An­thro­po­lo­gen und Ur­ge­schicht­ler kön­nen be­le­gen, dass das Scha­ma­nen­tum tie­fe Wur­zeln hat. Es war Teil der Kul­tur der alt­stein­zeit­li­chen Groß­wild­jä­ger in den eis­zeit­li­chen Tund­ren, wie auch der Wild­beu­ter in den nach­eis­zeit­li­chen Wäl­dern. Und da sind wir tatsäch­lich bei un­se­ren Vor­fah­ren an­ge­langt, und wie wir se­hen wer­den, geht ein be­trächt­li­cher Teil un­se­res Heil­wis­sens und un­se­rer Kräu­ter­tra­di­ti­on auf sie zu­rück.

(Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des AT-Ver­la­ges aus dem Buch Ur-Me­di­zin von Wolf-Die­ter Storl) Buch­tipp: WOLF-DIE­TER STORL: Ur-Me­di­zin. Die wah­ren Ur­sprün­ge un­se­rer Volks­heil­kun­de, AT Ver­lag 2015, geb., 300 Sei­ten, 24,95 Eu­ro

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (10/2015)