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KGS Hamburg Magazin Artikel (August 2016)

Die Poe­sie der Re­gen­schir­me

Un­ver­gess­lich für mich: die schwar­zen Re­gen­schir­me. Bil­li­ge Din­ger, sol­che aus dem 1-Eu­ro-La­den. Bis eben ha­ben sie zu­sam­men­ge­fal­tet in der von Lor­ca Si­mons ein­ge­rich­te­ten Re­qui­si­ten-Ecke rechts von der Büh­ne ge­le­gen. Da wa­ren sie ein Hau­fen wurst­ar­tig kom­pri­mier­ter Re­gen­schir­me, nichts wei­ter. Am Sonn­tag­mor­gen aber, der Work­shop „Li­ve Wire“ geht in sei­nen drit­ten und letz­ten Tag, er­wa­chen die­se Re­gen­schir­me plötz­lich zum Le­ben. 15, 20 Leu­te stat­tet Lor­ca da­mit aus und zieht sich mit ih­nen in den Hin­ter­grund zu­rück. Dort­hin, wo schon vom ers­ten Tag an zwi­schen zwei raum­ho­hen Lei­tern ei­ne lan­ge Lei­ne ge­spannt ist, Sinn­bild für den „Li­ve Wire“, den Draht des Le­bens, der die­sem Work­shop den kaum über­setz­ba­ren Ti­tel gibt. An­fangs war da nur die­se Schnur, an der ei­ne klei­ne schwar­ze Fe­der mit ei­ner sil­ber­far­be­nen Spit­ze bau­mel­te. Jetzt hän­gen von ihr lau­ter Zet­tel her­ab, die die Work­sh­opteil­neh­mer be­schrif­tet und an­schließend dort mit ro­ten Holz­wä­sche­klam­mern be­fes­tigt ha­ben. Die an­de­re Hälf­te der Grup­pe hat kei­ne  Re­gen­schir­me. Sie sitzt vor mei­nem DJ-Pult und be­ob­ach­tet still, was ge­schieht. Sie sind jetzt Zu­schau­er. Lor­ca flüs­tert mit den Re­gen­schirm­trä­gern. Ich spie­le ei­ne lei­se Mu­sik, das Spek­ta­kel be­ginnt. Lor­ca führt die Grup­pe an. Sach­te kom­men sie auf uns zu, ein wei­cher, dunk­ler Keil aus Men­schen. Wie auf ein laut­lo­ses Kom­man­do öff­nen sich die Schir­me, die Ge­sich­ter ver­schwin­den da­hin­ter, bei man­chen auch die Kör­per. Große und Klei­ne bil­den ei­ne Cho­rus li­ne wie auf dem Broad­way. Nur sieht das über­haupt nicht nach Broad­way aus, nach Show, nach En­ter­tain­ment. Wir schau­en ge­bannt auf die­se Grup­pe von Men­schen, die sich of­fen­kun­dig nicht vor Re­gen be­schir­men müs­sen. Wie Schild­krö­ten wir­ken sie, sie sind Schutz­su­chen­de, Ge­heim­nis­vol­le. Es ist un­glaub­lich, wel­che Flut von Bil­dern, von As­so­zia­tio­nen ei­nem an­ge­sichts ei­ner Thea­ter­si­tua­ti­on von Men­schen un­ter Bil­lig­re­gen­schir­men durch den Kopf fließt. Die Flücht­lings­kri­se: Da. Das Be­dürf­nis, sich den Bli­cken der Welt zu ent­zie­hen, un­sicht­bar zu sein: Da. gen­ten in ge­hei­mer Mis­si­on: Da. An­grei­fer, die sich sorg­sam im Ver­bor­ge­nen hal­ten: Da. Was wir se­hen, ist Spiel und tie­fer Ernst, Wahr­heit und Ri­tu­al. Es ist ein­fach und sehr kom­plex. Es ist gut, dass Lor­ca die­sen Um­brel­la-Tri­be an­führt, ihm Struk­tur gibt, ei­ne Form. Aber der Blick nimmt nach und nach auch die auf, die hin­ter ihr sind, ne­ben ihr. Und es dau­ert nicht lang, da ver­schwimmt die Gren­ze zwi­schen Füh­ren und Fol­gen. Bei­des scheint gleich­zei­tig zu ge­sche­hen. Lor­ca ist im­mer noch vorn, aber sie kon­trol­liert nicht mehr, was die Grup­pe tut. Al­le agie­ren wie von ei­nem ge­mein­sa­men, ab­we­sen­den Re­gis­seur ge­führt. Das ist fast un­heim­lich. Und ganz un­heim­lich schön. Das ist nur ei­ne von vie­len tol­len, berüh­ren­den Sze­nen aus dem Work­shop „Li­ve Wire“, die ich er­lebt ha­be. Seit 2014 un­ter­s­tüt­ze ich Lor­ca Si­mons ge­le­gent­lich als Co-Leh­rer und „DJ Mu­se“, wie sie es nennt, bei die­ser Ar­beit, die sie nun zu ei­nem in­ten­si­ven, lan­gen Wo­chen­en­de ins Se­mi­nar­haus Arts & Mo­ve­ments in Dar­ry an der Ost­see bringt. Für den eng­li­schen Aus­druck „Li­ve Wire“ bie­ten die Wör­ter­bücher als deut­sche Über­set­zung En­er­gie­bün­del an oder strom­füh­ren­der Draht. Lor­ca meint da­mit den pri­ckeln­den Draht zur Le­ben­dig­keit. Wenn wir mit un­se­rem In­ne­ren auf Draht sind, wenn wir selbst ge­wählt auf er­re­gen­de, vi­ta­le Wei­se un­ter Strom ste­hen, wer­den wir uns die­ses „Li­ve Wires“ in uns be­wusst. Die Te­xa­ne­rin Lor­ca Si­mons, na­he Freun­din und engs­te Mit­ar­bei­te­rin von Ga­bri­el­le Roth zu de­ren Leb­zei­ten auf dem Feld des Ri­tu­el­len Thea­ters, ist all das selbst – en­er­ge­tisch, vol­ler Vi­ta­lität, Le­bens­freu­de und Hu­mor. Und zu­dem ist sie ei­ner je­ner kost­ba­ren, ra­ren Men­schen, in de­ren Ge­gen­wart das All­täg­li­che zum Be­son­de­ren wird und das sonst kaum mehr Wahr­ge­nom­me­ne zum Spiel­ma­te­ri­al für krea­ti­ves Sein. Lor­ca Si­mons hat den Tanz- und Thea­ter-Work­shop „Li­ve Wire“ vor ei­ni­gen Jah­ren ent­wi­ckelt, un­ter­rich­tet ihn seit­her in vie­len Län­dern der Er­de und hat da­bei Men­schen un­ter­schied­lichs­ten Al­ters und Back­grounds zu Er­fah­run­gen ver­hol­fen, die kein an­de­rer 5Rhyth­men-Work­shop zu bie­ten ver­mag. Da­bei nutzt auch Lor­ca Si­mons die her­zöff­nen­de, zur Hin­ga­be ans Selbst füh­ren­de Wir­kung des Tan­zens in den 5Rhyth­men­nach Ga­bri­el­le Roth. Von mei­nem DJ-Pult aus se­he ich vol­ler Glück, wie in­ner­halb kur­zer Zeit bei vie­len Teil­neh­mern die Hin­ga­be an sich selbst im Tanz wächst, wie die Be­we­gun­gen im­mer mehr aus dem Kör­per und aus den je ei­ge­nen Le­bens­ge­schich­ten her­aus­kom­men, wie das For­mel­haf­te zu­rück­tritt zu­guns­ten ei­ner Wahr­heit, die manch­mal durch­aus auch er­schüt­ternd sein kann. Der Kom­po­nist Ar­nold Schön­berg hat ge­sagt, Mu­sik sei die Spra­che des nur durch Tö­ne Sag­ba­ren. Ich glau­be, für den Tanz gilt et­was Ver­gleich­ba­res. Er ist die Spra­che für das, was eben nur der frei ge­las­se­ne, be­weg­te Kör­per sa­gen kann. Und je­der kann sie ver­s­te­hen, denn Kör­per sp­re­chen wir al­le. Bei Lor­cas „Li­ve Wire“ dient der Tanz als Sprung­brett in ei­ne neue Di­men­si­on der Selbst­wahr­neh­mung. Ganz so, wie Ga­bri­el­le Roth es sie ge­lehrt hat und wie sie es selbst im­mer mehr in ih­re ka­ta­ly­ti­sche Ar­beit ein­fließen ließ. Das Ri­tu­el­le in un­se­ren Be­we­gun­gen ans Licht brin­gen, die Be­deut­sam­keit ei­ner Ges­te für den ein­zel­nen und für das Kol­lek­tiv er­grün­den und das Thea­ter als ein zu al­ler­erst aus der In­tel­li­genz und Er­fah­rung des Kör­pers her­aus sich ent­wi­ckeln­des Spiel in­s­ze­nie­ren: Das war ein For­schungs­feld, das den wa­chen, pro­duk­ti­ven und mit­füh­len­den Geist von Ga­bri­el­le Roth bren­nend in­ter­es­siert hat. Es ist ein Jam­mer, dass sie in ih­rem Le­ben zu we­nig Zeit hat­te, die­ser ih­rer tiefs­ten Pas­si­on noch gründ­lich nach­zu­ge­hen. Und es ist ein Trost und ei­ne In­spi­ra­ti­on, dass Lor­ca Si­mons die­sen Spi­rit hoch­hält und wei­ter­trägt in die Ge­mein­schaf­ten von Men­schen, die gern 5Rhyth­men tan­zen. „Li­ve Wire“ ist zu­gleich auch ein Ex­pe­ri­men­tier­feld für Leu­te, die sich von der Welt des Thea­ters an­ge­zo­gen füh­len oder dort schon ar­bei­ten und nach neu­er In­spi­ra­ti­on für ihr Spiel su­chen. Wenn ich Lor­ca bei der Ar­beit be­ob­ach­te, bin ich im­mer wie­der fas­zi­niert von der in­tui­ti­ven Si­cher­heit und dem großen Schau­spie­le­rin­nen­herz, das sie nah mit den Men­schen an je­der Ges­te, an je­der Ge­stalt, manch­mal auch am Klang ei­nes ein­zel­nen Wor­tes ar­bei­ten lässt – bis das, was als En­er­gie da­hin­ter steht, frei­ge­legt ist und für al­le of­fen­bar wird. „Turn your suf­fe­ring in­to art“ war ei­ne der Ma­xi­men von Ga­bri­el­le Roth; ver­wand­le dein Lei­den in Kunst. Es liegt ei­ne große, be­frei­en­de Kraft dar­in, sich über die Quä­le­rei im­mer glei­cher Denk- und Fühl­mus­ter ge­ra­de da­durch er­he­ben, dass man sie aus dem Den­ken in den Kör­per holt und in ei­nen Tanz ver­wan­delt, sei er auch noch so klein. Wie im Thea­ter der An­ti­ke liegt im Aus­s­tel­len von Frag­men­ten der ei­ge­nen Ge­schich­te ei­ne Heil­kraft für das Kol­lek­tiv.  Es bleibt üb­ri­gens nicht bei schwar­zen Re­gen­schir­men. Nach ei­ni­ger Zeit ver­teilt Lor­ca ro­te Schir­me der­sel­ben Bau­art an die­je­ni­gen, die bis­lang Zu­schau­er wa­ren. Sie pa­ra­die­ren nun ih­rer­seits im­pro­vi­sie­rend durch das Feld der dunk­len Ge­s­tal­ten. Durch­t­anzt, wie al­le sind, wach und prä­sent, ent­wi­ckelt sich ei­ne stel­len­wei­se auch sehr lus­ti­ge spon­ta­ne Cho­reo­gra­fie aus lau­ter klei­nen Ge­schich­ten. LI­VE WIRE Tanz und Thea­ter­ver­mi­schen sich auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se in die­sem Work­shop, der auf den 5Rhyth­men nach Ga­bri­el­le Roth ba­siert. In der Be­we­gungs­me­di­ta­ti­on der 5Rhyth­men spielt die Büh­ne zwar in­so­fern kei­ne Rol­le,  als es bei die­ser auf Tan­zen ba­sie­ren­den Pra­xis nicht ums Vor­füh­ren geht, son­dern in ers­ter Li­nie um Selbst­er­fah­rung und Me­di­ta­ti­on. Aber Ga­bri­el­le Roth lieb­te die Büh­ne – so­wohl die des Thea­ters als auch die Vor­s­tel­lung,  dass wir Frau­en und Män­ner auf der Büh­ne des Le­bens bloße Spie­ler un­se­rer vie­len Fa­cet­ten sind. Das Zu­sam­men­spiel von Tanz und thea­tra­li­scher Dar­s­tel­lung in die­sem Work­shop ge­s­tal­tet Lor­ca Sim­mons sehr dy­na­misch, le­ben­dig und en­er­gie­reich. Es wird viel ge­tanzt. Es wird auch ge­schrie­ben. Und das Ge­schrie­be­ne wird zum Sprung­brett des thea­tra­li­schen Aus­drucks. Vom In­ners­ten des Kör­pers aus­ge­hend, las­sen wir das Herz Fun­ken schla­gen. Was wir dort ent­de­cken und mit­neh­men, tei­len wir mit den an­de­ren. Wir wer­fen ein Licht auf die Spra­che und le­gen Ges­ten frei. Durch un­se­re thea­ter­na­hen Übun­gen schaf­fen wir uns geis­ti­ge Freiräu­me. Dem Kör­per gilt durch­ge­hend un­se­re größ­te Auf­merk­sam­keit. Li­ve Wire bie­tet Raum für klei­ne, spon­ta­ne und präzi­se Rol­len­spie­le, die sich oft aus ei­ner ein­zi­gen Ges­te ent­wi­ckeln. Manch­mal hel­fen da­bei ein­fa­che Re­qui­si­ten. Mit ih­rer großen Er­fah­rung als Schau­spie­le­rin und Re­gis­seu­rin des­sen, was sich in ih­ren Work­shops zeigt, führt Lor­ca Si­mons je­den ein­zel­nen Teil­neh­mer, egal ob eher schüch­tern oder ge­bo­re­nes Büh­nen­tier, vol­ler Fan­ta­sie und Hu­mor und sehr lie­be­voll zu neu­en, be­frei­en­den Er­fah­run­gen mit sich und in der Grup­pe. Das vie­le Tan­zen macht den Kör­per be­reit für die ge­s­tal­ten­de Dar­s­tel­lung, fürs ri­tu­el­le Thea­ter­spiel. Bei Li­ve Wire ist Platz für Witz und Tie­fe, für Trä­nen und Al­be­rei, und bei al­lem fühlt man sich warm und si­cher ge­hal­ten von der Prä­senz die­ser außer­ge­wöhn­li­chen Leh­re­rin und der Wir­kungs­kraft der 5Rhyth­men. Für die pas­sen­de Mu­sik bei Li­ve Wire und zur Un­ter­s­tüt­zung beim ak­ti­ven Ver­s­tänd­nis der  Rhyth­men steht Lor­ca Si­mons mit Tom R. Schulz ein Leh­rer zur Sei­te, der sei­ner­seits 22 Jah­re Er­fah­rung mit den  5Rhyth­men hat und eben­falls un­mit­tel­bar aus der Quel­le die­ser Ar­beit schöpft.

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (8/2016)