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INSPIRATION FÜR KÖRPER, GEIST UND SEELE                
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KGS Hamburg Magazin Artikel (Oktober 2012)

5Rhythmen: Das große Tor zur Innenwelt

Er geht weit über kör­per­li­che Pra­xis hin­aus: der Tanz der 5Rhyth­men. Die New Yor­ke­rin Ga­bri­el­le Roth (1941-2012) hat die­se Be­we­gungs­ar­beit als ei­nen Zu­gang zu den tie­fe­ren Schich­ten des mensch­li­chen Seins ent­wi­ckelt. Ü­be­r­all auf der Welt tan­zen Men­schen die Rhyth­men und er­fah­ren sie als Ve­hi­kel auf dem Weg in das un­be­kann­te Ter­rain des ei­ge­nen Selbst. Tom Schulz, Rhyth­men-Leh­rer in Ham­burg, lädt zu ei­nem Wo­chen­en­de ein, an dem in meh­re­ren Schrit­ten in die Rhyth­men-Pra­xis ein­ge­taucht wer­den darf. KGS-Re­dak­teu­rin Mo­ni­ka Knapp hat mit dem pas­sio­nier­ten 5Rhyth­men-Leh­rer und -Tän­zer über die trans­for­ma­ti­ve Kraft die­ser be­son­de­ren Be­we­gungs­pra­xis ge­s­pro­chen.

Tom, in der Pra­xis der 5Rhyth­men nennst du die „Wa­ves“ die „Land­kar­te mit dem grö­ß­ten Maß­stab“. Be­deu­tet das, dass man beim Tan­zen der „Wa­ves“ sich selbst be­son­ders nah kommt?

Da muss ich ein biss­chen aus­ho­len. Der Be­griff der Land­kar­te stammt von Ga­bri­el­le Roth, der Be­grün­de­rin, der See­le, dem Mo­tor der 5Rhyth­men. Ihr ers­tes Buch hei­ßt im Ori­gi­nal Maps To Ec­s­ta­sy, wört­lich „Land­kar­ten zur Ek­s­ta­se“. Die Land­kar­te ist Ga­bri­el­les Me­ta­pher für den Ver­such, mit Bil­dern und Wor­ten ei­ne Ori­en­tie­rungs­hil­fe durch das Mys­te­ri­um Kör­per-Herz-Ver­stand-See­le-Geist im Men­schen zu ge­ben. Je mehr mir ei­ne Kar­te über­blicks­wei­se von ei­nem Ge­biet zeigt, des­to grö­ßer ist ihr Maß­stab. In­so­fern ist „Wa­ves“ die gro­ße Über­blicks­kar­te über das Ter­ri­to­ri­um un­se­rer Be­we­gungs­pra­xis; da­bei geht es um die un­mit­tel­ba­re Er­fah­rung im Kör­per, um das Zu­rück­ho­len und Sam­meln ver­streu­ter En­er­gi­en und Seins­be­rei­che, um das Flie­ßend­ma­chen fest­ge­hal­te­ner Kräf­te. Das ist für sich ge­nom­men schon sehr stark. Der Kör­per ist in den 5Rhyth­men das gro­ße Tor zur In­nen­welt. Da geh­t’s lang, da geh­t’s rein, aber da­hin­ter geh­t’s eben auch wei­ter und in die Tie­fe.

Kannst du be­schrei­ben, wie der Kör­per zum Tor tie­fer Er­fah­run­gen im Tanz wer­den kann? Was pas­siert da­bei?

„The dif­fe­rence bet­ween life and de­ath is bre­ath“ hei­ßt es so schön – was das Le­ben vom Tod un­ter­sch­ei­det, ist der Atem. Je tie­fer wir tan­zen, des­to tie­fer at­men wir, je tie­fer wir at­men, des­to tie­fer er-le­ben wir. Tan­zen ist kei­ne Auf­for­de­rung zur Hy­per­ven­ti­la­ti­on. Aber der Atem kann uns die Prio­ri­tä­ten un­se­res Da­seins wie­der be­wusst ma­chen. Das ist das ei­ne.
Das an­de­re ist die Be­we­gung. Tan­zen bringt uns in Re­so­nanz mit un­se­rer ei­ge­nen Schwin­gung und der Schwin­gung der Welt. Im Sta­ti­schen liegt kein Se­gen. Der Kör­per hat Er­in­ne­run­gen ge­spei­chert, die der Kopf längst ver­drängt oder ver­ges­sen hat. Der Tanz bringt sie wie­der zum Vor­schein, wie ein Lei­chen­hund.
Das ist manch­mal scho­ckie­rend, meist aber bleibt Er­leich­te­rung und Be­frei­ung üb­rig. Es gibt da­zu vie­le ein­drucks­vol­le Ge­schich­ten, die Ga­bri­el­le in ih­ren Bü­chern er­zählt. Und schlie­ß­lich kann im in­ten­si­ven Tanz der Kör­per zu ei­ner Art er­leb­tem Hohl­raum wer­den für et­was viel Grö­ße­res als wir selbst. Wir kön­nen un­se­ren ver­schwitz­ten Kör­per dem Tanz dar­brin­gen wie der Bett­ler sei­ne Scha­le hin­hält, de­mü­tig und dank­bar für je­de Zu­wen­dung. Die Nah­rung, die wir sat­ten, ver­sorg­ten Men­schen der west­li­chen Welt brau­chen, ist vor al­lem: Spi­rit.

Was braucht es vom Tän­zer, dass der Tanz sei­ne trans­for­ma­ti­ve Kraft ent­fal­tet?

Vor al­lem Hin­ga­be an sich selbst. Und das hin­ter sich las­sen der üb­li­chen Vor­s­tel­lun­gen, was Tanz al­les sei: an­mu­tig, schön, äs­the­tisch, vor­ge­fer­tigt in den Be­we­gun­gen. Nichts da­von ist in den 5Rhyth­men ei­ne Wäh­rung. Na­tür­lich gibt es un­glaub­lich tol­le, in­spi­rie­ren­de 5Rhyth­men-Tän­zer, aber die Pra­xis ist wirk­lich für je­den, auch wenn er oder sie sich fühlt wie ein Sack Knautsch­le­der auf zwei Bei­nen. Das ist ja das Wun­der die­ser Pra­xis. Ich selbst bin bei Gott auch kein be­gna­de­ter Tän­zer, aber ich weiß, dass der Tanz mir im­mer Zu­flucht bie­tet, dass er mich er­neu­ert und mein Le­ben auf ei­ner tie­fe­ren Ebe­ne le­bens­wert macht. Und es braucht die Be­reit­schaft, dem Hei­li­gen in sich be­geg­nen zu wol­len – und in an­de­ren.

Vie­le 5Rhyth­men-Tän­zer kennst du mitt­ler­wei­le seit Jah­ren. Wel­che Ver­än­de­run­gen nimmst du wahr, die auf die Tanz­pra­xis zu­rück­zu­füh­ren sind oder durch sie un­ter­s­tützt wer­den?

Oh je, das Le­ben ver­än­dert je­den von uns stän­dig! Was ist da­bei auf was zu­rück­zu­füh­ren? Für mich selbst kann ich die Fra­ge mög­li­cher­wei­se be­ant­wor­ten, aber für nie­man­den an­ders. Ich se­he die 5Rhyth­men auch nicht als The­ra­pie­form. Sie sind ein Ka­ta­ly­sa­tor, ein Ent­wick­lungs­be­schleu­ni­ger für Din­ge, die in uns gä­ren. Sie kön­nen uns hel­fen, Klar­heit zu ge­win­nen, Durch­brü­che zu wa­gen, wo wir oh­ne das Tan­zen viel­leicht ste­cken blei­ben wür­den, weich zu wer­den, wo wir un­ver­söhn­lich sind. Und klar, das Be­we­gungs­re­per­toire er­wei­tert sich, zu­min­dest bei den al­ler­meis­ten Tän­zern.

Hat sich die 5Rhyth­men-Pra­xis über die Jah­re ver­än­dert in dem Sin­ne, dass sie viel­leicht ei­ner neu­en Zeit, ei­nem neu­en Um­gang mit En­er­gie Tri­but zollt? Oder ist sie ge­tra­gen von ei­ner Wahr­heit, die im­mer gleich wahr ist?

Die An­fän­ge der Pra­xis lie­gen in den 1960er, 1970er Jah­ren, wo gan­ze Ge­ne­ra­tio­nen sich aus Ver­k­lem­mun­gen und Ver­krus­tun­gen und Lü­gen und Ver­drän­gung und Schuld­ge­füh­len her­aus­be­we­gen muss­ten. Das ist heu­te nicht mehr so. Wir ha­ben da­für an­de­re kol­lek­ti­ve Wun­den – ei­ne in­zwi­schen weit­ge­hend zer­s­tör­te Um­welt, gen­tech­no­lo­gisch ver­gurk­te Nah­rung, wach­sen­de Angst vor dem Kli­ma­wan­del und sei­nen sicht­ba­ren Fol­gen, ö­ko­no­mi­sche Un­si­cher­hei­ten. Die ge­sell­schaft­li­che Be­s­tän­dig­keit, die vor 40, 50 Jah­ren exis­tier­te – und da­mals viel­leicht auch nerv­te –, ist in­zwi­schen to­tal po­rös ge­wor­den. Ge­ra­de in der ge­wan­del­ten Zeit zeigt sich, dass die 5Rhyth­men un­ab­hän­gig von den Um­s­tän­den ih­rer An­fän­ge ei­nem of­fen­bar an­thro­po­lo­gi­schen Be­dürf­nis Rech­nung tra­gen.
Das sieht man auch dar­an, dass die Pra­xis in vie­len Tei­len der Er­de an­ge­kom­men ist, ob in Ja­pan oder Hong­kong, in Aus­tra­li­en oder Kam­bo­d­scha, in Nord- oder Süd­a­me­ri­ka, in Süd­afri­ka und über­all in Eu­ro­pa. Wie die al­ten Völ­ker, die mit den Zy­klen der Er­de leb­ten, schau­en auch wir No­ma­den der di­gi­ta­len Welt, wenn wir die Ge­le­gen­heit da­zu be­kom­men, in die Flam­men ei­nes Feu­ers, das in der Mit­te ei­nes Stein­krei­ses brennt, und sind ge­bannt vom sel­ben Mys­te­ri­um wie un­se­re Ah­nen. Be­ant­wor­tet das dei­ne Fra­ge?

Tut es. Vor ei­ni­gen Jah­ren hast du im In­ter­view ge­sagt, „flo­wing Still­ness“ sei dein „Lieb­lings­rhyth­mus“. Hat sich das ver­än­dert?

Viel­leicht in­so­fern, als die Still­ness für mich mit den Jah­ren ge­fühlt im­mer rei­cher wird. Dass in der Still­ness al­le Rhyth­men im He­gel­schen Sin­ne auf­ge­ho­ben sind, al­so ent­hal­ten und ge­bor­gen, ob­so­let und er­höht, das wird mir im­mer deut­li­cher. Des­halb wür­de ich jetzt wahr­schein­lich Still­ness oh­ne je­den Aro­ma­zu­satz als mei­nen Lieb­lings­rhyth­mus nen­nen. Aber das ist nicht wich­tig.

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (10/2012)