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KGS Hamburg Magazin Artikel (Mrz 2012)

Freu­de am Tanz kennt kein Al­ter

Nichts auf der Welt bringt uns die Ju­gend zu­rück. Aber wer, äl­ter wer­dend, auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit das Tan­zen in den 5Rhyth­men nach Ga­bri­el­le Roth für sich ent­deckt, hat zu­min­dest ein neu­es In­stru­ment ge­fun­den, mit dem er oder sie in­mit­ten der un­auf­halt­sa­men Al­te­rungs­pro­zes­se den Spi­rit des Jung­seins in sich wach­hal­ten kann.

Es tut gut, weiß der Ham­bur­ger 5Rhyth­men-Leh­rer Tom R. Schulz, bei al­ler Ver­nunft, die das Er­wach­se­nen­da­sein uns ab­ver­langt, den in­ne­ren Re­bel­len bei Lau­ne zu hal­ten, ma­ß­los zu sein in sei­nen Wün­schen und in sei­nem Mög­lich­keits­sinn. Sein Work­shop im März soll Platz und Er­laub­nis ge­ben da­für, sich den (mög­li­cher­wei­se vor­han­de­nen) Frust über das Un­aus­weich­li­che un­se­rer Dis­po­si­ti­on aus Leib und See­le zu tan­zen




In ei­nem In­ter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung pries Ivan Lis­ka, 62, lang­jäh­ri­ger So­lo­tän­zer un­ter John Neu­mei­er in Ham­burg und seit 1998 Di­rek­tor des Baye­ri­schen Staats­bal­letts, kürz­lich die al­ters­lo­se Kunst des Tan­zes: „Grund­sätz­lich kann je­der tan­zen, und zwar in je­dem Al­ter. Je­der hat das In­stru­ment da­für, je­der ein wie auch im­mer aus­ge­präg­tes Ta­lent. Als Pro­fi muss man halt ir­gend­wo den Schluss­strich zie­hen, das ist im Spit­zen­s­port nicht an­ders. Na­tür­lich wächst der tän­ze­ri­sche Aus­druck mit je­dem Ki­lo Le­bens­bal­last, aber zu­gleich wird es im­mer schwe­rer, über die Tech­nik-Hür­de zu kom­men.“

Schön, dass der Münch­ner Bal­lett­chef Tanz nicht nur als hoch­ge­züch­te­te Kunst­form für schein­bar ewig jun­ge El­fen und ma­ger-mus­ku­lö­se Ephe­ben sieht, son­dern als ei­ne pri­mä­re Le­bens­äu­ße­rung des Men­schen, die ihn auch bei fort­schrei­ten­dem Al­ter nicht ver­lässt und zu ihm ge­hört bis zum Tod. Auch wenn das Tan­zen in den 5Rhyth­men nach Ga­bri­el­le Roth we­der Bal­lett ist noch Spit­zen­s­port, son­dern sich eher als ei­ne spi­ri­tu­ell auf­ge­la­de­ne Form des Brei­ten­s­ports be­schrei­ben lie­ße: mit der „Tech­nik-Hür­de“, über die man sei­nen „Le­bens­bal­last“ wer­fen will, be­kom­men mit der Zeit auch vie­le 5Rhyth­men-Tän­zer zu tun. Die­se Pra­xis führt sie ja mit­ten hin­ein in ih­ren Le­bens­bal­last, den sie tan­zend ab­wä­gen, auch mal ab­wer­fen – und des­sen Ge­wicht sie neu schät­zen ler­nen. Auch ihr tän­ze­ri­scher Aus­druck wächst mit der Zeit, weit­ab al­ler Bal­le­ri­na-Träu­me. 

„Dan­cing The Ye­ars“, der neue Work­shop des er­fah­re­nen5Rhyth­men-Leh­rers Tom R. Schulz aus Ham­burg, kreist the­ma­tisch um die­sen Le­bens­bal­last, um das In­stru­ment des Tan­zes – den Kör­per – und um die „Tech­nik-Hür­de“, die im Fal­le der 5Rhyth­men na­tür­lich kein Hin­der­nis in Form ei­ner über­lie­fer­ten und fest­ge­schrie­be­nen Tanz­tech­nik be­schreibt, son­dern eher ei­ne Hür­de hin­sicht­lich des­sen, was der Kör­per in Be­we­gung über­haupt noch mit­zu­ma­chen be­reit ist. Oft kom­men Men­schen ja erst in ei­nem Al­ter mit die­ser Pra­xis in Be­rüh­rung, in dem sich Be­rufs­tän­zer längst von der Büh­ne ver­ab­schie­det ha­ben. Trotz­dem le­ben im Kör­per je­des Ein­zel­nen, der tan­zen will, oft mäch­ti­ge Be­we­gungs­im­pul­se, die ar­ti­ku­liert wer­den wol­len, auch wenn die ei­ge­ne Phy­sis ih­nen Gren­zen setzt. 

An­de­re ha­ben schon im­mer ger­ne ge­tanzt und stel­len fest, wie mit den Jah­ren die Agi­li­tät, die Sprung­freu­de, die Kon­di­ti­on, das Ma­ß­lo­se und Un­be­küm­mer­te ab­neh­men, wie sich al­ler­lei Zip­per­lein mel­den, die plötz­lich Wohn­recht im ei­ge­nen Kör­per be­an­spru­chen, der sich doch in­ner­lich ei­gent­lich noch ge­nau­so frei und be­weg­lich und an­mu­tig an­fühlt wie da­mals, als noch al­les ging.

Die­sem schritt­wei­sen, lang­sa­men Ab­schied vom tän­ze­ri­schen „any­t­hing goes“ wohnt ein ei­ge­ner Zau­ber in­ne. Ge­ra­de weil nicht mehr al­les geht, ge­winnt das, was noch geht, an Be­deu­tung. Aus der Be­schrän­kung er­wächst Tie­fe. Rü­cken­be­schwer­den, zi­cki­ge Knie, Hüf­ten, Schul­tern, emp­find­li­cher wer­den­de Fü­ße, an­de­re Ein­schrän­kun­gen im Be­we­gungs­ap­pa­rat, Band­sch­ei­ben­pro­b­le­me – die Lis­te der kör­per­li­chen Ma­lai­sen, mit de­nen (auch) 5Rhyth­men­tän­zer zu tun be­kom­men kön­nen, ist ge­wiss län­ger als die­se Auf­zäh­lung. Beim Work­shop im März soll das Span­nungs­feld zwi­schen der Zeit­lich­keit des Kör­pers und der da­von oft un­be­ein­druckt blei­ben­den Vi­ta­li­tät des Aus­drucks im Zen­trum ste­hen. Auch Ga­bri­el­le Roth, die Be­grün­de­rin der 5Rhyth­men, tanzt heu­te, mit An­fang 70, viel re­du­zier­ter und we­ni­ger wild als vor Zei­ten. Doch wer sie tan­zen sieht, er­lebt in je­der Nu­an­ce ih­rer Be­we­gung den Spi­rit des Tan­zes, den sie auf wun­der­ba­re, buch­s­täb­lich be­we­gen­de Wei­se ver­kör­pert und in je­dem zum Le­ben er­weckt, der sich da­von be­rüh­ren lässt.

In die­ser Pra­xis und auch bei die­sem Tanz­wo­chen­en­de spielt das Pa­ra­dig­ma vom „woun­ded hea­ler“ ei­ne gro­ße Rol­le; letzt­lich geht es um den wei­ten Weg vom Selbst­mit­leid zu ech­tem Mit­ge­fühl, das zum fünf­ten der 5Rhyth­men ge­hört, Still­ness ge­nannt. Der Work­shop „Dan­cing The Ye­ars“ ver­steht sich als ei­ne ge­tanz­te An­er­ken­nung des­sen, was war, und, vor al­lem: als Fei­er des­sen, was ist. Des­halb emp­fiehlt sich die Teil­nah­me nicht nur für lä­dier­te Tän­zer, son­dern für je­den, der weiß, dass Nicht-Be­s­tän­dig­keit das ein­zi­ge ist, wor­auf man sich im Le­ben ver­las­sen kann.

Rein­hard Dil­len­bur­ger

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (03/2012)