Wir verwenden Cookies, um die Zugriffe auf unserer Website zu analysieren und statistische Auswertungen vornehmen zu können.
Durch die Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies laut unserer Datenschutzerklärung zu.
Du kannst der Nutzung von Cookies jederzeit HIER widersprechen.
INSPIRATION FÜR KÖRPER, GEIST UND SEELE                
Startseite Newsletter Impressum & Datenschutz English

KGS Hamburg Magazin Artikel (August 2012)

Aus Ver­bun­den­heit ent­steht Glück

Der Weg in den Him­mel führt über un­se­re Be­zie­hun­gen, sagt der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­lo­ge Chuck Spez­za­no. Was kön­nen wir tun, da­mit sich die Tür zu die­sem Him­mel öff­net und wir wah­res und dau­er­haf­tes Glück er­fah­ren kön­nen?
Den Teil­neh­mern sei­ner Se­mi­na­re möch­te er We­ge zei­gen, wie man die ver­meint­li­chen Hin­der­nis­se, über die man so leicht stol­pert und die das Be­zie­hungs­glück manch­mal so un­er­reich­bar er­sch­ei­nen las­sen, um­ge­hen kann. KGS-Re­dak­teu­rin Mo­ni­ka Knapp hat mit Chuck Spez­za­no über die Fal­len in Be­zie­hun­gen und die Be­frei­ung aus al­ten Ver­s­tri­ckun­gen ge­s­pro­chen



Chuck, der eng­li­sche Ti­tel Ih­res neu­es­ten Bu­ches* ist „Re­la­ti­ons­hips – The Sta­ir­way to Hea­ven“. Was ist, wenn man nicht in ei­ner Zwei­er­be­zie­hung ist, gibt es dann kei­nen Zu­gang zum Him­mel?


Wir sind ja im­mer in Be­zie­hung. Wenn nicht, sind wir tot. Wir sind in Be­zie­hung mit al­len Men­schen um uns her­um. Wir ha­ben Be­zie­hun­gen zu Freun­den, zu un­se­rer Fa­mi­lie. Wir ha­ben ei­ne Be­zie­hung zu un­se­ren El­tern, selbst wenn sie schon ge­s­tor­ben sind.

Es geht al­so nicht un­be­dingt um ei­ne Zwei­er­be­zie­hung?


Rich­tig. Im „Kurs in Wun­dern“ hei­ßt es: „Er­lö­sung ist dir so nah wie der Mensch ne­ben dir.“ Das be­deu­tet, dass je­der Mensch, mit dem wir zu­sam­mens­ind, un­se­re Tür zum Him­mel sein kann. Du kannst mit je­dem Men­schen im Him­mel sein. Es kommt dar­auf an, wie tief du dich auf ei­ne Ver­bin­dung mit je­man­dem ein­lässt, wie sehr du dich zum an­de­ren hin­wen­dest und Kon­takt mit ihm auf­nimmst. Dann kommst du an ei­nen Punkt, wo du den an­de­ren gar nicht mehr so sehr als Kör­per wahr­nimmst, weil du nicht mehr be­ur­teilst oder ver­suchst, et­was vom an­de­ren zu be­kom­men. Die meis­ten von uns kön­nen gar nicht se­hen, was wirk­lich pas­siert – wir se­hen nur die Ver­gan­gen­heit und die steht zwi­schen uns. Ins Hier und Jetzt zu kom­men ist et­was ganz Ent­sch­ei­den­des, denn hier sind Frie­den und Freu­de. Hier pro­ji­zierst du nicht die Ver­gan­gen­heit auf die an­de­re Per­son.

Wie kön­nen wir den ers­ten Schritt in die­se Rich­tung tun?

In­dem wir uns selbst be­ob­ach­ten, Zeu­ge des­sen sind, was wir mit un­se­rem Ver­stand (engl. mind), un­se­ren Ge­dan­ken an­s­tel­len. Es geht dar­um, den an­de­ren zu seg­nen, an­statt ihn zu ver­ur­tei­len. Ihm das Bes­te zu wün­schen, ihm zu ver­ge­ben. 

Wenn je­mand an­ders uns tief ver­letzt, gibt es zwei Mög­lich­kei­ten für uns: Wir kön­nen die Per­son ver­ur­tei­len, aber das be­deu­tet, dass wir un­se­re ei­ge­ne Schuld zu­de­cken. Mit ei­ner Ver­ur­tei­lung sa­gen wir: Ich wür­de so et­was nie tun. Ich bin bes­ser als du. Da­mit schau­en wir auf den an­de­ren hin­ab – denn das ist, was das Ego im­mer ver­sucht zu tun. Das liegt in un­se­rer ei­ge­nen Schuld be­grün­det. Aber wenn wir un­schul­dig sind, se­hen wir, dass der an­de­re un­se­re Hil­fe braucht, und dann wol­len wir ihm aus un­se­rem Mit­ge­fühl her­aus die Hand rei­chen, um ihm eben­die­se Hil­fe zu ge­ben.

Wo­für füh­len wir uns schul­dig?


Die Schuld ist ei­ne Il­lu­si­on des Egos. Sie taucht auf, wenn wir die Ver­bin­dung ver­lie­ren oder sie un­ter­b­re­chen. Mit dem Schmerz dar­über tau­chen al­le die­se Emo­tio­nen auf: das Ge­fühl, nicht ge­nug zu sein, Angst, ein Ge­fühl von Ver­lust, Schuld, Wi­der­s­tän­de. Je­des Mal, wenn wir die Ver­bin­dung zu je­mand an­de­rem ver­lie­ren, wenn wir zum Op­fer wer­den, ir­gend­et­was Ne­ga­ti­ves ge­schieht, tau­chen die­se Ge­füh­le auf. Dar­un­ter ver­bor­gen ist der Wunsch nach Un­ab­hän­gig­keit. Wir wol­len recht ha­ben und et­was Be­son­de­res sein.

Ist das der Wunsch nach Frei­heit? 

Die Un­ab­hän­gig­keit bringt uns kei­ne Frei­heit. Sie ist nur ei­ne Rol­le, die wir spie­len. Und Hand in Hand mit ihr geht die Rol­le des Op­fers, des Be­dürf­ti­gen, auch die von Auf­op­fe­rung und die des Mär­ty­rers. Das ge­hört im­mer zu­sam­men und es zer­s­tört die Le­ben­dig­keit ei­ner Be­zie­hung.   Je­des Mal al­so, wenn wir die Ver­bin­dung ver­lie­ren – und das ist ei­ne Wahl, die wir selbst ge­trof­fen ha­ben –, sieht es so aus, als ob uns je­mand et­was an­ge­tan hat. Tat­säch­lich aber hat un­ser Un­ter­be­wusst­sein al­les ge­plant. 

Und was pas­siert dann?


Mit je­der Tren­nung ge­hen Schuld­ge­füh­le ein­her. Was wir den­ken, falsch ge­macht zu ha­ben, ist die ober­fläch­lichs­te Form von Schuld. Die nächs­te Ebe­ne hängt mit un­se­ren Be­zie­hun­gen und un­se­rer Fa­mi­lie zu­sam­men. Je­des Mal, wenn in Be­zie­hun­gen oder in der Fa­mi­lie et­was falsch läuft, füh­len wir Schuld – ob­wohl wir die an­de­ren be­schul­di­gen. Die­se Form der Schuld in­ner­halb ei­ner Fa­mi­lie hält uns da­von ab, ei­ne ech­te Part­ner­schaft ein­zu­ge­hen, wir füh­len uns un­ab­hän­gig. Und wie ge­sagt, das ist nicht Frei­heit, son­dern Dis­so­zia­ti­on. Wir de­cken all un­se­re Be­dürf­nis­se zu, all un­se­ren Schmerz, wenn uns das Herz ge­bro­chen wur­de – und wir tun so, als ob al­les in Ord­nung wä­re. „Mir geht es gut! Ich brau­che kei­nen Part­ner.“ Aber wir ha­ben so­wie­so je­de Men­ge Part­ner, die um uns her­um sind. Wann im­mer wir je­man­den tref­fen, ist das nicht zu­fäl­lig. Es ist Be­stim­mung. Wenn du das ver­stehst, dann kann aus je­der Be­geg­nung Freu­de ent­s­te­hen.

Das ist al­so die zwei­te Schicht von Schuld. Sie geht tie­fer, es ist ei­ne Erb­schuld, ei­ne See­len­schuld, die wir mit in die­ses Le­ben ge­bracht ha­ben. Sie kommt von un­se­ren Le­bens­mus­tern oder wenn dir die­se For­mu­lie­rung nicht ge­fällt: Sie be­stimmt die Lek­tio­nen, die wir hier zu ler­nen ha­ben. 

Dann gibt es noch die kol­lek­ti­ve Schuld. Die Schuld der Mensch­heit.

Und die Schuld des Ge­fal­len­seins. Wenn wir uns in ei­nem Traum, ei­ner Il­lu­si­on ver­lo­ren ha­ben. Wir ha­ben uns für die Dua­li­tät ent­schie­den, ge­gen das Eins­sein, das Sein in Gott. Das ist die Ur­schuld. Er­staun­li­cher­wei­se kom­men die meis­ten Men­schen die­ser Ein­sicht nie­mals auch nur na­he. Die Schuld, die wir emp­fin­den, weil wir den­ken, wir ha­ben et­was falsch ge­macht, ist in Wirk­lich­keit nur die Spit­ze des Eis­bergs.

Wie kön­nen wir uns von der Schuld be­frei­en?
 

Wenn wir je­man­dem ver­ge­ben, ver­ge­ben wir in Wirk­lich­keit uns selbst für das, was wir von uns den­ken. All die­se ur­al­ten Glau­bens­sät­ze … 

Die ein­fachs­te For­mu­lie­rung, wenn wir uns selbst ver­ge­ben möch­ten, ist: „Ich ver­ur­tei­le mich nicht da­für“. Und wenn wir je­mand an­de­ren nicht ver­ur­tei­len, dann sp­re­chen wir uns auch selbst von al­ler Schuld frei. Es geht im­mer dar­um, ei­ne Ver­bin­dung zum an­de­ren her­zu­s­tel­len.

Ges­tern in mei­nem Vor­trag ha­be ich ge­sagt: Du kannst dein Le­bens­mus­ter er­ken­nen, wenn du dir an­schaust, wie dein Le­ben ver­lau­fen ist, be­gin­nend bei der Emp­fäng­nis bis zum Al­ter von zehn Jah­ren. Wenn du al­so ei­ne dra­ma­ti­sche Kind­heit hat­test, dann war ein Teil dei­ner Be­stim­mung, dass du sehr un­ab­hän­gig sein muss­test. Dass du dein ei­ge­nes Ding ma­chen muss­test, an­statt auf dei­ne El­tern zu hö­ren, die al­les falsch ge­macht ha­ben. Und so et­was hält uns na­tür­lich in schreck­li­chen Emo­tio­nen und in dem Ge­fühl von Ab­leh­nung ge­fan­gen. Aber egal, was un­se­re El­tern ge­tan ha­ben, wenn wir sie nicht ab­leh­nen, füh­len wir uns auch nicht ab­ge­lehnt. Das ist die Na­tur des Ver­s­tan­des: Er ver­dreht die Din­ge ein­fach. Wir über­zeu­gen uns und an­de­re da­von, dass man uns et­was an­ge­tan hat. Das Ego stellt al­le mög­li­chen Fal­len auf, um uns da­von ab­zu­hal­ten, an­de­re Men­schen wirk­lich zu ken­nen und zu lie­ben. Ge­nau aus der Ver­bin­dung mit an­de­ren aber ent­steht die Freu­de.

Die meis­ten Men­schen den­ken, sie müs­sen in ei­ner Be­zie­hung Kom­pro­mis­se schlie­ßen. Was glau­ben Sie?


In mei­nem Vor­trag ges­tern Abend ha­be ich ge­sagt: Ma­che kei­ne Kom­pro­mis­se. Denn wenn man das tut, füh­len sich bei­de Part­ner ei­ner Be­zie­hung wie Ver­lie­rer. Statt­des­sen musst du kom­mu­ni­zie­ren, Lö­sun­gen fin­den, dich mit dem an­de­ren ver­bin­den. Dann kann sich die bes­te Lö­sung zei­gen. Viel­leicht liegt ei­ner von bei­den to­tal falsch – aber wenn du auf die­se Wei­se kom­mu­ni­zierst, dann ent­steht die En­er­gie, die für den nächs­ten Schritt ent­sch­ei­dend ist. Auf die­sem Weg ge­win­nen bei­de und ihr wisst, dass ihr die bes­te Lö­sung ge­fun­den habt. Das macht dei­nen Part­ner stark und es macht dich stark. Aber Kom­pro­mis­se sind Schei­ße. Du wei­ßt, dass es ein­fach nicht funk­tio­nie­ren kann! Und dann fühlst du dich wie tot in dei­ner Be­zie­hung.

Und da­für macht man dann den an­de­ren wie­der ver­ant­wort­lich …

Ge­nau: „Siehst du, wie du mich un­ter­drückst!“ Ei­ne von vie­len Tak­ti­ken, die wir an­wen­den.

K
om­men zu Ih­ren Vor­trä­gen und Work­shops mehr Frau­en als Män­ner?


Nor­ma­ler­wei­se ja. Zu­min­dest war es bis­her so. Aber lang­sam kom­men auch mehr Män­ner, und ge­le­gent­lich ist das Ver­hält­nis fast aus­ge­g­li­chen. In der Schweiz im letz­ten Work­shop wa­ren et­wa 40 Pro­zent Män­ner, in Deutsch­land sind es et­was mehr.

Was glau­ben Sie, war­um es mehr Frau­en sind?


Ich glau­be ein­fach, dass die Frau­en schon wei­ter sind in ih­rer Ent­wick­lung. 

Mei­ne Frau hat ei­ne Theo­rie, was In­kar­na­ti­on an­geht: Wenn du vie­le Le­ben hin­ter­ein­an­der ein Mann warst, darfst du end­lich ei­ne Frau wer­den. Ich glau­be, sie hat Recht.

Es ist doch so: Män­ner ge­hen raus, um die Welt zu er­o­bern. In un­se­rem tiefs­ten In­ne­ren wis­sen wir aber, dass die Welt ei­ne Il­lu­si­on ist. Na­tür­lich sor­gen Män­ner auch für ih­re Fa­mi­li­en und so – aber Män­ner sind da­für ge­bo­ren, Hel­den zu sein. Das se­pa­riert sie, sie dre­hen sich um sich selbst – was so­wie­so ei­ne der grö­ß­ten Fal­len in Be­zie­hun­gen ist. 

Und Frau­en?

Frau­en kön­nen in ei­ner Be­zie­hung ganz in der Über­zeu­gung auf­ge­hen, et­was Be­son­de­res zu sein, und dann krei­sen sie auch nur noch um sich selbst, mit all ih­ren Emo­tio­nen, Emp­find­sam­kei­ten und so wei­ter. Es ist al­so ein stän­di­ger gro­ßer Kampf zwi­schen den Part­nern.

Was kön­nen wir tun, da­mit hier Hei­lung statt­fin­den kann?


Es geht dar­um, all das zu über­win­den, um wah­re Ver­bun­den­heit und Lie­be ent­s­te­hen zu las­sen. Das ist viel wich­ti­ger, als im­mer nur um sich selbst zu krei­sen. Es geht um das Uns.

Es geht dar­um, dass bei­de zu­sam­men glück­lich sind. Es geht um Ge­ben, an­statt im­mer zu gu­cken, was ich vom an­de­ren be­kom­men kann. Das ist das Herz­s­tück des Glü­ckes ei­ner Be­zie­hung. Dau­er­haf­tes Glück ent­steht aus dem, was du gibst. Und aus der Ver­bun­den­heit, die du mit dei­nem Part­ner im­mer wie­der her­stellst. Das ist viel wich­ti­ger als die ge­gen­s­ei­ti­ge An­zie­hung zu Be­ginn ei­ner Be­zie­hung. Die An­zie­hung ent­steht aus ei­nem Be­dürf­nis, sie ent­steht dar­aus, dass du vom an­de­ren et­was be­kom­men möch­test. So fängt je­de Be­zie­hung an.  Es geht al­so dar­um, das in ei­ne Part­ner­schaft zu ver­wan­deln, in der es um Ganz­heit, um Glück und um Hei­lung geht. Es geht nicht dar­um, was du be­kommst, son­dern um die Fra­ge, was du ge­ben kannst, da­mit die Part­ner­schaft dau­er­haft glück­lich ist.

Vie­len Dank für das Ge­spräch, Chuck!



*Buch­tipp:

CHUCK SPEZ­ZA­NO: Zwei Her­zen im Ein­klang. Das Wun­der er­füll­ter Part­ner­schaf­ten er­le­ben • In­te­gral 2012, geb., 432 Sei­ten, 22 Eu­ro

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (08/2012)